Jeder Mensch hat fünf Sinne: Wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Mit ihnen nehmen wir die Welt wahr. Aber es gibt noch einen sechsten Sinn: den Glaubenssinn.
Der Glaubenssinn hilft uns, in dem, was geschieht, mehr zu entdecken als das, was auf den ersten Blick sichtbar ist.
Ich höre das freundliche Wort eines Menschen und ich spüre: Da ist Gott, der mich ermutigen und trösten möchte.
Ich bin früh am Morgen aufgestanden und erlebe den Sonnenaufgang. Gleichzeitig wird in mir Dankbarkeit wach. Ich spüre: Mein Leben ist mir von Gott geschenkt – auch heute an diesem Tag.
Ich erlebe einen schweren Moment, und wie aus dem Nichts rührt sich in mir der Gedanke: Ich bin nicht allein. Plötzlich ist Gott für mich eine erlebbare Wirklichkeit.
Der Glaubenssinn sieht tiefer. Er sieht nicht nur das, was vor Augen liegt. Er sieht das, was dahinter ist. Er fragt: Wo könnte Gott in meinem Leben gegenwärtig sein?
Dieser Glaubenssinn ist allerdings nicht einfach da, so wie normalerweise das Sehen, das Hören, das Riechen, das Schmecken und das Fühlen. Obwohl manche meinen, er wäre in uns angelegt so wie ein Samenkorn. Wachsen aber kann er, sich ausbreiten, Raum bekommen. Die Bibel erzählt davon in unterschiedlicher Weise. Der junge Samuel etwa lernt, Gottes Stimme wahrzunehmen. Mehrmals hört er seinen Namen, weiß aber zunächst nicht, wer ihn ruft. Erst mit der Hilfe des alten Eli lernt er, hinzuhören: „Rede, Gott, denn dein Knecht hört.“ (1. Samuel 3,9). Der Glaubenssinn schlummert in vielen Menschen. Er möchte wachsen. Ob wir ihm dazu die Gelegenheit geben?
Eine gute Übung für unseren Glaubenssinn ist: innehalten, aufmerksam werden und hinhören. Einen Moment am Tag sich bewusst machen:
Was hat mich heute innerlich berührt?
Wofür bin ich dankbar?
Wo habe ich Kraft bekommen?
Wo hat mir jemand etwas Gutes getan?
Und dies zu verbinden mit der Frage: Wo könnte Gott darin seine Spuren hinterlassen haben?
Manche gehen noch einen Schritt weiter. Ihnen geht es wie dem jungen Samuel. Er entwickelt seinen Glaubenssinn dadurch, dass er einen Begleiter hat, Eli, der ihm dabei hilft. In der evangelischen Kirche in Bayern gibt es viele geistliche Begleiterinnen und Begleiter. Sie können helfen, den eigenen Glaubensweg zu vertiefen oder erst zu entdecken. Unter ganzhier.de/begleitung können Sie sich darüber informieren. Auch ich durfte meinen eigenen Glaubenssinn durch eine Ausbildung zur Geistlichen Begleitung weiter entwickeln und stehe Ihnen gerne zur Verfügung.
Glauben heißt nicht, auf alles eine Antwort zu haben. Glauben heißt, offen zu bleiben für das, was sich nicht sofort erklären lässt. Ignatius von Loyola spricht hier von der sogenannten Indifferenz, die wichtig ist, um seinen Glaubenssinn zu entwickeln. Er meint damit: Wir sollten, so gut es geht, uns den Dingen wertfrei zuwenden. In allem, auch in dem, was uns auf den ersten Blick als unangenehm, schwierig, belastend oder nervig erscheint, könnte Gott für uns wichtig sein. Der Glaubenssinn wächst dort, wo wir uns diese wertfreie, indifferente Offenheit bewahren und aufmerksam und neugierig durchs Leben gehen.
Die Dinge singen hör ich so gern – so dichtet es Rilke. Das beschreibt für mich in wunderbarer Weise, was den Glaubenssinn ausmacht. Gott ist schon da – er singt zu uns in den Menschen, in seiner Schöpfung, in Situationen, die ich erlebe, in Gedanken, die sich in mir entwickeln oder mir zufliegen. Gott singt in der Welt - und wartet darauf, von uns wahrgenommen zu werden.
Andreas Waßmer